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Welt in Angst

Es gibt Romane, die nur zu einem einzigen Zweck geschrieben wurden - um zu unterhalten. Sie sollen nicht nur ein entspannendes Leseerlebnis bieten, sondern auch die komplette Partitur emotionaler Momente abdecken, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die Auseinandersetzung mit der behandelnden Thematik sollte dabei eher oberflächlich geschehen, weil es nicht ungewöhnlich ist, dass Ungereimtheiten oder gar Fehler im Plot einen störenden Einfluss während des Lesens erzeugen.
Michael Crichton hatte schon immer einen anderen Anspruch an seine Romane. Neben der Unterhaltung transportiert er in seinen Texten immer wieder technische, geschichtliche oder philosophische Fakten und Spekulationen, die ihm den Status als ungekrönten König des Wissenschafts-Thrillers einbrachte.
Mit seinem Roman Welt in Angst widmet er sich einem Thema, dass sich in Köpfen sämtlicher sozialer Schichten längst festgesetzt hat – die kommenden Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen.
Dabei nutzt er das Thema diesmal nicht nur dafür, um seinen gewohnt leicht zu konsumierenden Plot einer rasanten Geschichte einzubetten, sondern hinterfragt auch die Aussage, ob der Mensch durch seinen Einfluss die Ursache für zukünftige Klima-Extreme ist.

Klappentext

Für George Morton ist Geld eine Nebensächlichkeit. Zu den rauschen Partys auf seinem Anwesen in Beverly Hills kommen die Stars der Filmbranche, und in seiner Garage stehen neun Ferraris. Er ist sich der Dekadenz seines Lebensstils bewusst und um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, spendet er immer wieder der Umweltorganisation NERF, diesmal zehn Millionen Dollar, für den Kampf gegen die globale Erwärmung.
Doch bevor er den Scheck unterschreibt, erreicht ihn ein Anruf von seiner Bank: NERF hat in seinem Namen eine viertel Million Dollar an dubiose Umweltschützer in Costa Rica überwiesen. Wie er schon bald von John Kenner, einem Mitarbeiter eines geheimen Regierungsdienstes zur Terrorbekämpfung im Inneren erfährt, gehört diese Gruppe der radikalen Environmental  Liberation Front an. Und diese macht sich gerade durch mysteriöse Aktivitäten verdächtig: In Paris bringen sie einen Physiker um, dem neueste Erkenntnisse über Tsunamis vorliegen. Im Dschungel von Malaysia kaufen sie drei riesige Kavitationsmaschinen, mit denen Erdrutsche ausgelöst werden können. In London 150 Kilometer Draht für Panzerabwehrraketen. Und sie mieten ein U-Boot, das vor Neuguinea zu Wasser gelassen werden soll. Was planen sie?
Morton und seine Crew begeben sich auf die Suche nach Beweisen für die Zusammenarbeit der Umweltschützer mit den Terroristen – und sehen sich vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe gestellt.


Rezension

Es ist müßig, bei einem Crichton-Buch über erzählerische Qualitäten oder stilistisches Können zu sinnieren. Bisher ist kein Roman aus seiner Feder bekannt, der auch nur annähernd als nicht lesbar oder gar schlecht eingestuft werden kann. Er ist ein Garant für anspruchsvolle Themen und gleichzeitig spannende Unterhaltung; ein Umstand, der seine neusten Werke regelmäßig an die Spitze der Bestseller-Listen transportiert. Seine Protagonisten sind kunstvoll konstruierte Stereotypen, die aber die volle Bandbreite einer Persönlichkeitsschablone ausreizen und dadurch genug Raum für charakterlichen Überraschungen bereit halten. Blendend man den Hintergrund der Geschichte vollkommen aus, bleibt auch in Welt in Angst eine Handlung übrig, die, wie immer bei Crichtons Werken, kurzweilig zu lesen ist und einen gekonnt konzipierten Spannungsbogen enthält. Das wäre es eigentlich für diesen Roman gewesen, wenn nicht gerade der Hintergrund der Story eine enorme Menge Explosivkraft besitzen würde.
Auch wenn man dem Grundgerüst eines Thrillers – Spannung, Action, Liebe;  nicht unbedingt in dieser Reihenfolge – eher skeptisch gegenüber steht, schafft es Crichton immer wieder, ein Szenario zu entwerfen, dass sich von der Masse ähnlicher Geschichten unterscheidet. Sein Rezept ist dabei recht simpel – man nehme ein aktuelles Thema, benutze es als Rahmen für eine abenteuerliche Geschichte und garniere es mit popurlärwissenschaftlichen Informationen, die auch in Tageszeitungen und Magazinen zu finden sind.

Das ist alles weder innovativ, noch revolutionär neu, aber trotzdem wirkt ein „Crichton“ immer ein wenig seriöser, etwas anspruchsvoller als ähnliche Werke anderer Schriftsteller.
Das liegt unter anderem auch daran, dass er zu einer Gruppe von Autoren gehört, für die das Wort Recherche nicht nur eine Alibi-Funktion besitzt. Seine Vorbereitungen für ein neues Buchprojekt sind mittlerweile legendär und sogar seine verbissensten Kritiker zollen dieser Eigenschaft ihren Respekt.
Dieser Fakt spielt eine ungeheuer wichtige Rolle, wenn man den vorliegenden Roman genauer betrachtet. Zum einen ist das Thema wirklich hochaktuell und zum Zweiten gelingt es Crichton, das medienwirksam aufbereitet Szenario einer durch den Menschen erzeugte weltweiten Klimakatastrophe nachhaltig in Frage zu stellen. Das letztere gelingt aber nur glaubhaft, wenn man belastbare Fakten vorweisen kann und genau in diesem Bereich stellt er einige interessanten Fragen: Welche Aussagen zur Klimaveränderung sind wissenschaftlich belegbar, welchen Stellenwert besitzen Klimamodelle und Statistiken und wie hoch ist der Einfluss des Menschen auf diese Klimaveränderung?

Dabei versucht er, so weit es ein Unterhaltungsroman zulässt, auf eine beeindruckende Menge an Ungereimtheiten hinzuweisen, die er mit seitenlangen Quellenangaben auch erhärtet. Als Sprachrohr benutzt er im Buch die Figur Kenner, einem der Regierung nahestehenden Agenten, der sich alle Mühe gibt, jede bisher veröffentlichte Aussage von Klimaexperten an Hand von streng wissenschaftlichen Ergebnissen zu widerlegen. Egal, ob es sich um den Anstieg der Temperatur, des Meeresspiegels oder abschmelzende Gletscher handelt - Kenner hat immer Fakten und Tatsachen in der Hand, die daran zweifeln lassen, dass die Klimaforscher die derzeitigen Veränderungen richtig einordnen.
Den naheliegenden Verdacht, dass hier reine Regierungspolemik und Propaganda zum Einsatz kommt, räumt Chrichton mit den bereits erwähnten Quellenangaben äußerst radikal aus. Der Leser kann diese Quellen sichten und seine eigenen Schlüsse aus den Angaben ziehen.
Als Gegenpart zu Kenner bringt Crichton die Figur Evans ins Spiel, ein belesener und durch die Medien gut informierter Anwalt, der für eine Umweltschutz-Organisation tätig ist. Evans ist eine Art „Herr Mustermann“ und dient als Beispiel, welche Auswirkungen die allgegenwärtige Berichterstattung der Medien auf die Meinungsbildung eines Menschen bisher hatte und weshalb ein nur rudimentäres Wissen über klimatechnische Abläufe die Überprüfung von Informationen aus diesem Bereich unmöglich macht.

Die Gespräche zwischen Kenner und Evans werden zum zentralen Punkt der Story; einer Achse des Verständnis zur Problematik der Natur und des weltweiten Klima
Der Leser begleitet die beiden Hauptprotagonisten auf ihren Abenteuern um die halbe Welt, immer wieder unterbrochen durch Diskussionen, die selbst den härtesten Verfechter der heute gültigen Theorien langsam aber sicher daran zweifeln lassen, ob die Einflussnahme des Menschen auf klimatische Verschiebungen so groß sind, wie allgemein behauptet wird.
Die Vermutung liegt nahe, das genau dies die Absicht des Autors war. Nur wenn alle Informationen, auch bzw. gerade zur klimatischen Geschichte dieses Planeten vorhanden sind, wird die Relevanz von Modellen und Vorhersagen deutlich .Der kleine, aber feine Unterschied, ob diese Veränderungen nicht auch in der Natur des Klimas an sich liegen könnte und ob eine Klimaveränderung tatsächlich die katastrophalen Auswirkungen mit sich bringt, wird ebenfalls zur zentralen Frage.

Die Brisanz einer Thematik, sowie deren Aktualität waren und sind seit jeher Elemente, die einen Roman zu einem mehr als unterhaltsamen Leseerlebnis machen. Michael Crichton hat auch diesmal wieder ein feines Gespür für das aktuelle Tagesgeschehen gezeigt und bietet mit Welt in Angst einen Romanstoff, der nach dem Zuklappen einen eher nachdenklichen Leser zurücklässt. Viele Informationen, die mit der Geschichte auf den Leser einstürmen, stehen im krassen Gegensatz zu den Nachrichten, die uns aus Presse und anderen Medien erreichen. Zweifel sind erlaubt, ob hinter jeder Wetterkatastrophe die Auswirkungen klimatischer Veränderungen zu erkennen sind.
Der Autor selbst lässt im Nachwort keinen Zweifel daran, dass auch er an einem Zusammenhang zwischen Klimawandel und menschlichen Einfluss glaubt. Allerdings sind Glaube und Wissen bekanntlich sehr gegensätzliche Weltanschauungen, die sich in der Geschichte dieser Welt schon öfters widersprochen haben.

Fazit

Man kann sich kaum entscheiden, ob Michael Crichtons Buch eine spannende Mainstream-Story dafür genutzt hat, um dem Leser auf Ungereimtheiten einer auf Katastrophen abonnierten Medienlandschaft hinzuweisen und die vielfach unwissenschaftlich argumentierenden Protagonisten einer durch Menschen verursachten Klimakatastrophe anzuprangern, oder ob der Handlungshintergrund lediglich als aktueller Background dient, um der Story die zusätzliche Portion Thrill mitzugeben.
Tatsache ist, dass dieser Roman die Diskussion um den bevorstehenden Klimawandel anheizt und als Futter für Grabenkämpfe der gegnerischen Fraktionen dient. Wenn er letztendlich aber dazu animiert, sich mit der Thematik etwas mehr auseinander zu setzen, hat er seinen Zweck erfüllt. Unterhaltungsliteratur, die so etwas bewirken kann, ist äußerst selten und deshalb kann es gar kein anderes Urteil geben, als – absolut lesenswert.

Jürgen Olejok / 2008

 

Als Basis für diese Rezension diente:

Welt in Angst – Michael Crichton
Originaltitel: State of Fear / 2004
Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Karl Blessing Verlag – HC Ausgabe 2005
555 Seiten plus Anhang
ISBN 3-89667-210-X

 

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