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Geschrieben von Jürgen Olejok
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Michael K. Iwoleit gehörte noch nie zu den Autoren, die den Begriff Kurzgeschichte wortwörtlich interpretieren. Seine Novellen sprengen häufig die Vorgaben an Zeichen und Platzbedarf innerhalb einer Anthologie, bestechen aber anderseits durch ein stimmiges, weil ausführlich konstruiertes, Handlungsszenario. Auch seine Novelle „Psyhack“, Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises 2006 und Grundlage des vorliegenden Romans, besaß einen Rahmen, der für sich gesehen völlig ausreichend war. Warum macht man sich die Mühe, eine erfolgreiche Kurzgeschichte auf Romanniveau zu strecken ? Ganz einfach.... die Leser wollten es so.
Klappentext / Inhaltsbeschreibung
Mit Scanning, Mnemotomien und –transplantaten wird es in ein paar Jahren möglich sein, beliebige Aspekte einer Persönlichkeit von einem Kopf in den anderen zu verpflanzen, und dann wird Neuran das erste Unternehmen sein, das Menschen nicht nur biologisch und genetisch, sondern auch psychisch und intellektuell designen kann. Dann wird endlich erreicht sein, was so lange erträumt wurde: Der Mensch ist voll und ganz eine Ware.
Marek Yanner ist BioTech-Agent und führt für zwielichtige Geschäftemacher verachtenswerte Aufträge aus. Damit Yanner nicht zu viel über sein Handeln nachdenkt und außerdem nicht eines Tages zum Erpresser werden kann, wird ihm jedes Mal nach erfolgreichem Abschluss die Erinnerung genommen. Zugleich werden ihm für den nächsten Auftrag wichtige Informationen implantiert, zumeist von ehemaligen Mitarbeitern derjenigen Firmen, in denen Yanner als Nächstes eingesetzt werden soll. Dabei geht eines Tages etwas schief: Yanner behält nicht nur einen Teil seiner Erinnerungen, sondern ein Psyhack zwingt ihn dazu, einen grausamen Mord an einem hohen Funktionär des Riesenkonzerns Neuran zu begehen. Verfolgt von Polizei, Neuran und den eigenen Leuten hat Yanner keine andere Wahl, als seine längst gelöschte und vergessen geglaubte Vergangenheit wiederzufinden, um das Motiv für den Mord aufzuklären, von wem und wofür er benutzt wurde. Die Spur führt ihn quer durch ein von Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Korruption gebeuteltes Europa. Yanner beschreitet einen Pfad des Schreckens...
Kritik
Iwoleits Romanwerk besticht durch ein gelungenes Szenario, dessen Wurzeln irgendwo zwischen Cyberpunk und Near Future liegen. Die Erzählweise ist weniger distanziert, verliert aber kaum an Wirkung, wenn die Vorgänge der Gedächtnislöschung seines Protagonisten Marek Yanner geschildert werden. Behutsam verlagern sich Stil und Ausdruck, wenn es um die wiedererlangten Erinnerungen geht, die im mittleren Teil der Story die Hintergründe erklären, wie sich Marek und seine Lebensgefährtin Deli kennengelernt, verliebt und im Streit getrennt haben. Dabei nutzt Iwoleit ein Stilmittel, das nur selten in der Unterhaltungsliteratur anzufinden ist. Statt die Vergangenheit ab einem bestimmten Punkt, der im Regelfall der Auslöser weiterer Ereignisse war, in einem Rückblick aufzuarbeiten und so dem Leser eine bestimmte Entwicklung zu erklären, schlägt er einen anderen Weg ein. Mareks alte Erinerungen erscheinen chronologisch in umgekehrter Richtung, beginnen in der frühen Vergangenheit und gehen immer weiter in die ferne Vergangernheit zurück. Diese Erzählweise unterstützt den beschriebenen Vorgang der Rekonstruktion vorzüglich, denn aus der Logik heraus sind jüngere Erinnerungen leichter wieder hervorzuholen als ältere und letztere brauchen wesentlich mehr Zeit, um wieder Teil des bewusst Erlebten zu werden. Zwar verlangt diese Art der Aufarbeitung der Vergangenheit eine erhöhtre Aufmerksamkeit vom Leser, aber die Mühe wird belohnt, denn wie ein schwieriges Puzzle fügen sich Details zusammen und lüften das Geheimnis, wie und unter welchen Umständen es zum Bruch zwischen Marek und Deli kam. Im letzten Abschnitt ändern sich Stil und Erzählweise unmerklich in Richtung Gegenwartsliteratur, um abschließend mit einem überraschenden und gut inszenierten Ende zu punkten. Die gut konstruierte und stimmige Atmosphäre steht einem nicht konsequent gestaltetem Spannungsbogen gegenüber. Dazu ist der mittlere Teil etwas zu lang geworden, hat sich der Autor ein wenig zu detailliert mit der Aufarbeitung von Mareks Erinnerungen befasst. Die Frage darf durchaus gestellt werden, ob nicht eine andere Aufteilung der Erzählstränge für ein höheres Tempo und damit für durchgehende Spannung gesorgt hätte. Der Handlungshintergrund ist durchaus gelungen, auch wenn nur einige aktuelle Entwicklungen, wie die Klimaerwärmung, kunstvoll in die Geschichte eingewebt wurden. Hier wäre ein noch stimmigeres Bild einer wahrscheinlichen Zukunft möglich gewesen und etwas weniger "Erinnerungen“ hätte auch den dafür notwendigen Platz bereitgestellt.
Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist Psyhack ein lesenswerter Roman geworden. Die liebevolle Konstruktion der Protagonisten, ein stimmiger Rahmen und nicht zuletzt die erzählerische Klasse des Autors sorgen für unterhaltsamen Lesespaß und entführen in eine zukünftige Welt, die um eine faszinierende Komponente der menschlichen Manipulationsmöglichkeiten reicher ist.
Fazit
Ein kurzweiliger Thriller mit kleineren Schwächen, aber enormer Atmosphäre und stilistisch gut umgesetzter Thematik. Ein Near Future Abenteuer, das ein wenig länger im Gedächtnis bleibt und ein guter Lesestoff für Fans, die zeitnahe Fiktionen als Unterhaltung schätzen. Empfehlenswert ! Jürgen Olejok / 2007
Basis dieser Rezension:
Psyhack von Michael K. Iwoleit
Erschienen als Taschenbuch im Fabylon Verlag / 2007
Umschlaggestaltung: Gabriele Behrend
224 Seiten
ISBN 978-3-927071-13-1 |
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