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Watermind - M. M. Buckner
Geschrieben von Jürgen Olejok   

Es ist schon ein Kreuz mit dieser speziellen Sorte von Thriller, die thematisch als Hybrid zwischen Science und Fiction gilt, aber nicht der Science-Fiction als Genre zugeordnet werden - sie muß zwei verschiedene Lesergruppen bedienen, die abweichende Ansprüche an einen unterhaltsamen Lesestoff stellen. Der Hohepriester des Wissenschaftsthriller, Michael Crichton, gilt als herausragendes Beispiel dafür, daß es funktioniert; viele andere Autoren, die in dem einen oder anderen Genre bereits Erfolge verbuchen konnten, scheiterten kläglich. Greg Bear gilt hier als prominenter Name. Im Bereich SF sehr erfolgreich, aber in Punkto Thriller eine erzählerische Katastrophe.

Die Autorin Mary M. Buckner, Gewinnerin des "Oscars" der SF-Literatur, dem Philip K. Dick Award, wagt sich mit ihrem neuen Werk ebenfalls auf das Glatteis dieser speziellen Sorte von zeitnaher Fiktion mit hohem Spannungspotential. Wie der Begriff schon suggeriert, beinhaltet der Wissenschaftsthriller eine hohe Menge an Thrill, welcher wiederum nur durch handwerkliches Können die Symbiose mit einer guten Idee eingeht. Das Adjektiv Spannung wird zum Maßstab... und zum K.O -Kriterium, wenn es mit der Umsetzung nicht klappt.

Klappentext/Inhaltsangabe
Als bei einem Wetterexperiment per Funk vernetzten Minicomputer der Meterologen im wahrsten Sinne des Wortes weggespült werden und nach einer langen Reise über Flüsse und Kanäle im Sumpfgebiet Devil's Swamp landen, finden sie eine Melange aus Elektronikschrott, Industriegiften, Haushaltmüll und Biomasse vor. Die Mikrochips beginnen die vorhandnene Stoffe zu analysieren und setzen eine Kettereaktion in Gang, die zur Entstehung einer neuen Art von Lebensform führt. Eine künstliche Intelligenz, frei von jeglichen Einschränkungen menschlicher Ethik, steuert ein Konstrukt, daß gar nicht existieren dürfte und anders ist als alles, was es je auf diesem Planeten gegeben hat. Aber ist es friedlich... oder eine tödliche Gefahr ?

Kritik
Mary M. Buckner, amerikanische Autorin und durch ihre bisherigen SF-Geschichten einem kleinen Fachpublikum bekannt, hat sich mit ihrem Roman Watermind auf das schwierige Terrain des Wissenschafts-Thrillers begeben und anfangs packt sie ihr Thema auch herzhaft und gekonnt an. Die Entstehung des Watermind besitzt die Faszination einer spekulativen Logik, nachvollziehbar und in seiner Konstruktion äußerst interessant. Allerdings tendieren Stilistik und technologischer Background nach wenigen Kapiteln in den Bereich der Trivialitäten. Das liegt zum Einen daran, daß die schablonenhaft konzipierten Protagonisten jedes Klischee bedienen, das die Unterhaltungsliteratur hergibt und zum anderen an der relativ müden Liebesgeschichte, die sich gleichberechtigt zum eigentlichen Plot herauskristallisiert. Hier offenbart sich eine bisher nicht in Erscheinung getretene Eigenschaft der Autorin, die für dieses spezielle Genre beinahe tödlich ist - der weibliche Hang, dem Herzschmerz eine große Bühne zu geben. Sicherlich ist eine gut erzählte Love-Story zwischen Protagonisten immer einen Nebenstrang wert, aber wenn sie in Richtung Kitsch tendiert und insbesondere konträr gegenüber den sonstigen Eigenschaften der Akteure steht, verliert sie an Wirkung - und reißt den eigentlichen Plot gleich mit in den Abgrund der Banalitäten.
In Watermind wird das Dreiecksverhältnis der Akteure zum gern genutzten Anlaß, die ermüdenden Rückblicke quer zu lesen, um die Konzentration auf den eigentlichen Plot aufrecht zu halten. Diese erzählerischen Mängel mögen bei seichter Unterhaltungsliteratur in einem Groschenheftroman noch durchgehen; bei einem Thriller sind sie nicht zu entschuldigen.
Der anfangs vorhandene Spannungsbogen verflacht zusehends und um das Maß voll zu machen, wird auch der Umgang mit dem Hauptakteur, der künstlichen Intelligenz, immer mehr zum B-Movie-Spektakel. Auf der einen Seite die junge (und hübsche) Wissenschaftlerin, die etwas retten will, daß sie nicht einmal im Ansatz versteht, und auf der anderen Seite ein (böses) Unternehmen, daß alles aufwendet, um das Unbekannte zu vernichten. Selbst der Versuch, mit dem Unbekannten per Musik zu kommunizieren, das gern benutzte Analog "Musik ist wie Mathematik" bemühend, reiht sich nahtlos in die Patina-verseuchte Gesamtkonstruktion ein.
So manches Mal konnte ein gut konzipiertes Ende eine schwache Story noch aufwerten, aber selbst dieses Kunststück gelingt Frau Buckner nicht. Die Geschichte endet mit einer chemischen Reaktion, die selbst den nicht so belesenen Hobby-Chemiker die Nackenhaare aufrichten lässt - auf niedrigem pseudo-wissentschaftlichen Niveau, ohne die Realität zu tangieren.
Die völlig abweichende Qualität zur ihren SF-Werken gaben der Spekulation Spielraum, daß eine eher lustlose Übersetzung die Ursache für die nicht überzeugende Umsetzung ist. Nach Einblicken in die englische Originalfassung wurde dieser Verdacht aber nicht erhärtet - die Sprache, sowie der Erzählstrang waren auch hier farblos und enttäuschend.

Fazit
Anders als ihr preisgekröntes Werk WarSurf, daß einen, für SF-Verhältnisse, eher konventionellen Plot besaß, aber erzählerisch durchaus als packend betrachtet werden kann, nutzt Mary M. Buckner ihre Qualitäten bei Watermind nicht einmal ansatzweise.
Wie bei vielen der neuen Autoren aus der amerikanischen Szene, hapert es dieses Mal an der konzeptionellen Umsetzung des Inhalts. Wichtige Details und Ansätze versumpfen im Rauschen von Nichtigkeiten, nützliche Mittel wie Tempo, durchgehender Spannungsbogen und Stilistik werden unzureichend eingesetzt.
Science-Fiction und Wissenschaftsthriller besitzen durch ihre genutzte Thematik der spekulativen Technik nur auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten. Was bei SF vielleicht noch als ausgearbeitete Idee durchgeht, wird im Bereich Belletristik wesentlich kritischer betrachtet. Hier zählt die Umsetzung und die Fähigkeit des Autors/der Autorin, das äußerst wichtige Lesevergnügen zu erzeugen. Der ist in diesem Werk leider nur in Ansätzen zu gelungen.
Watermind hatte von der Idee her alles, um Fußstapfen der Autorin auf ihrem literarischen Weg zu hinterlassen. Leider hat der leichte Regen von Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt die kaum zu erkennenden Abdrücke in kürzester Zeit weggewaschen. Zurück bleibt ein Buch, daß man nicht gelesen haben muß.

Jürgen Olejok / 2009

Als Basis für diese Rezension diente:

Watermind - von Mary M. Buckner
erschienen als Erstausgabe im Knaur Taschenbuch-Verlag/2009
Übersetzung von Bernhard Kempen
463 Seiten
ISBN: 978-3-426-50127-9

 

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