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Stimmen - Greg Bear
Geschrieben von Jürgen Olejok   

Greg Bear, einer der erfolgreichsten Science-Fiction Schriftsteller der achtziger Jahre, zählt innerhalb des Genre zu den Vertretern der wissentschaftsnahen Fiktion. Auch wenn einige Ideen in seinen Romanen den Bereich der Logik hin und wieder verlassen, orientierte sich Bear bei seinen Geschichten weitgehend an aktuellen Forschungen und zumindest theoretisch ausgearbeiteten Hypothesen. Seine neueren Werke, erzählerischen Ausflüge in den Bereich der (fiktiven) Genetik und Biologie, wurden zwar von Fachpublikationen wie der Zeitschrift Nature hoch gelobt, aber die Umsetzung der Thematik in den Bereich Unterhaltung gilt weithin als Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Sein unzweifelhaft vorhandenes Talent, einer Geschichte das von Lesern geschätzte Erzähltempo zu liefern, war in diesen Romanen nur in Ansätzen erkennbar und die sehr wissenschaftlich vorgetragenen Ausführungen entlockten bei Unterhaltungs-Junkies weitgehend ein herzhaftes Gähnen.  
Die Werke Äon, Blutmusik und Slant, Schmuckstücke seines Schaffens, gehören heute zu den Klassikern des phantastischen Genre und mit seinem Roman Stimmen, würde er, so die Aussage seines Herausgebers, an die erfolgreichen Zeiten in der phantastischen Literatur anschließen. Was dann allerdings in der Verkleidung eines spekulativen Wissenschaftsthrillers angeboten wurde, war nicht das, was man von einem Greg Bear erwartet hatte. Nicht einmal annähernd.
 
Klappentext / Inhaltsbeschreibung
Trans, die Revolution in der Telekommunikation, verbreitet Informationen rund um die Welt ohne jede Verzögerung, schneller als das Licht. Doch das hochmoderne Telefonnetz, verpackt in Designer-Handy, erweist sich auch in anderer Hinsicht als bahnbrechend: Jeder, der Trans benutzt, muß feststellen, dass in seinem Umfeld unerklärliche Dinge geschehen, dass er mit Stimmen von Menschen konfrontiert wird, die eigentlich schon lange tot sind. Alles deutete darauf hin, dass durch Trans die Koordinaten der Realität aus den Fugen geraten könnte...  
 
Peter Russel, erfolgloser Schriftsteller und früher einmal Kult-Regisseur von Soft-Pornos, lebt von dem, was ihm Gönner an Arbeit vermitteln. Der Tod einer seiner beiden Töchter, hat auch seine Ehe ruiniert und als sein bester Freund Phil stirbt, scheint der psychische Absturz nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Mitten in den Vorbereitungen, Phil die angemessene letzte Ehre zu erweisen, kommt das Angebot der Firma Trans: Russell soll die Werbekampagne für das neuartige Telefonsystem entwerfen und leiten.
Die Zentrale von Trans residiert in einem ungewöhnlichen Gebäude, ein altes Staats-Gefängnis, das zum Buiseness-Park umfunktioniert wird. Auch die Mitarbeiter unterscheiden sich sehr von der Art Menschen, die gerade ein Start-up in der Technologiebranche vorbereiten. Allen voran der Chefentwickler Arpad Kreisler, Vordenker und Genie in seinem Bereich.  
Arpad spekuliert über einen möglichen Zusammenbruch der Kommunikationssysteme in den nächsten 20 Jahren, da die zu versendenden Datenmengen exponentiell ansteigen und der Kollaps bisheriger Systeme in seinen Augen eine sichere Angelegenheit ist. Mit Hilfe der Quantenmechanik und der Hypothese des dänischen Physikers Niels Bohr, ist es ihm gelungen, einen neuartigen Raum als Bandbreite für Informationssysteme zu nutzen - sogenannte nicht-erlaubte Bahnen innerhalb atomarer Strukturen.
Schneller als Licht können in diesem Raum Daten und Gespräche übertragen werden und anscheinend ist die nutzbare Bandbreite unendlich hoch. Trans hat das Patent und das Wissen, diese Technologie auszubauen. Peter Russel nimmt den Auftrag für die Werbekampagne an, ohne zu wissen, daß diese Technologie die Fundamente unserer Realität erschüttern wird...

Rezension
Laut Definition ist eine Einleitung für eine Story der Bereich, in dem der Leser die Handlungsumgebung kennen lernt und die Protagonisten in die Geschichte eingeführt werden. Interessant und, so weit möglich, kompakt sollte eine Einleitung ausgearbeitet werden, damit sie übergangslos mit ansteigendem Tempo den Leser an die beginnende Story bindet. So weit die Theorie. Das es auch ganz anders geht, kann man in diesem Werk, je nach Vorlieben, staunend oder verärgert bewundern.
Recht behäbig beginnt Greg Bear seine Geschichte, spült dabei die Vorgeschichte der Hauptfigur Peter Russel nach oben, und streut spärlich einige Elemente des im Klappentext angekündigten Themengerüst ein. Spätestens ab der Mitte seines Romans, nach ca. 200 Seiten, taucht unwillkürlich die Frage auf, wo eigentlich die versprochene Story bleibt. Kleine Gänsehauteffekte, die sich weitgehend auf Beschreibungen geisterhafte Erscheinungen beziehen, sorgen zwar ab und an für Spannungsmomente, aber sie verpuffen unwirksam, weil die Konzentration des Autors einige Seiten später wieder beim Gemütszustand des Hauptprotagonisten verweilt.
Nun ist gepflegte Langeweile beim Lesen kein neues Phänomen, auch wenn es in den letzten Jahren gerade bei ehemaligen Top-Autoren der Unterhaltungsliteratur gehäuft vorkommt, aber die Verwirrung steigt, weil der schmissige Klappentext bis dahin keine Anstalten macht, mit den bisher gelesenen Inhalt eine thematische Symbiose einzugehen. Zeilenschinderei, weil das Gerüst der Handlung nicht mehr hergibt? Mitnichten, denn jeder, der sich Klappentext und Inhaltsbeschreibung durchgelesen und daraufhin das Buch zugelegt hat, konnte sich an Hand der Angaben vorstellen, daß hier eine mitreißende und ungewöhnliche Story präsentiert wird.  
 
Nachdem man sich schlußendlich durch zwei Drittel durchgearbeitet hat, blitzt wie aus dem Nichts das erzählerische Talent Bears auf und die lang erwartete Spannung setzt ein. Genau zu diesem Zeitpunkt driftet, zum Verdruß des Lesers, der einen wissenschaftlichen Thriller erwartet hat, die Handlung Richtung Fantasy. Der mühsam erkämpfte Weg zur Spannung endet in einem Finale, daß noch nicht einmal in den Bereich modern gestylter Mystery passt, sondern ein Mix aus Horror und bekanntem  Kitsch drittklassiger Groschenhefte enthält. Geister-Auren und alte Gräber beherrschen plötzlich die Szene, in der man spekulative Gedanken zu einer mysteriösen Technologie erwartet hätte. Spannend und fesselnd geschrieben, zugegeben, aber meilenweit von dem entfernt, was dem Leser suggeriert wurde. Besitzt man die Offenheit, auch diesem Genre der Phantastik etwas unterhaltsames abgewinnen zu können, entschädigt die gut konzipierte Spannung und das rasante Tempo für das Durchhalten. Weniger Genre-offene Leser werden zu diesem Zeitpunkt das Buch mittels einer geschickt gewählten Flugkurve in den nächsten Papierkorb geworfen haben.
Das Ende ist, wie in vielen abgeschlossenen Romanen des Fanatsy-Genre, eher einfacher Natur und reiht sich qualitätsmäßig nahtlos in die insgesamt sehr schwache Gesamtkonstruktion der Geschichte ein - nicht überraschend und auf einem Niveau, das selbst bei Jugendbüchern in der Mehrzahl getoppt wird.
 
Es ist wirklich traurig, was der Autor aus den feinsten Essenzen seines Romans herausholt. Das Potential, welches in der Idee steckt, mysteriöse Grenzbereiche der Physik für die Nutzung profaner Dinge wie das telefonieren zu nutzen, ist exorbitant hoch. Was hätte nicht alles passieren können? Alte Gesprächsfetzen von längst vergangenen Telefonaten mit bisher nicht gelüfteten Geheimnissen, Dimensionsüberlappungen, Entstehung von physikalischen Phänomenen, Quanteneffekte usw. Die Liste könnte man beliebig weiterführen und jeder Punkt davon wäre spannender und innovativer gewesen, als das Szenario, daß Greg Bear benutzt hat. Wo die Fiktion endet, beginnt die Fantasy, und damit auch ein Literatursegment, dessen Ernsthaftigkeit eher einen rudimentären Charakter besitzt. Spekulative Wissenschaft in einer Erzählung verdient wenigstens ein Minimum an Glaubwürdigkeit - im Falle von Stimmen wurde sie einfach nur verramscht.
 
Fazit
Die New York Times schrieb: Wo Michael Crichton aufhört, fängt Greg Bear erst an. Das ist soweit richtig, allerdings tat Crichton immer gut daran, genau dort aufzuhören, wo die elementaren Handlungsgrundlagen jeglichen Bezug zur guten alten Physik verlieren und in den Bereich der Fantasy driften.  
Stimmen ist das zweifelhafte Produkt aus einer unglaublich guten Idee und der mangelhaft ausgeführten Umsetzung des Themas. Bear hat(te) definitiv die schriftstellerischen Qualitäten, aus den Zutaten eine lesenswerte Story zu kreieren. Warum er sie nicht eingesetzt hat, lässt Spielraum für weitreichende Spekulationen zu seiner Person.  
Die extrem langatmige, und zuweilen recht billig wirkende Handlung auf etwas höherem Groschenheft-Niveau kann über weite Strecken nicht überzeugen und lässt den Leser mit der bangen Frage zurück, was vom ehemaligen Star der SF-Literatur überhaupt noch zu erwarten ist. Zumindest mit diesem Roman hat er, betrachtet man seine Bibliographie, neue Qualitätsgrenzen getestet - allerdings nach unten.
Es ist nicht auszuschließen, daß der eine oder andere Fan von phantastischer Literatur noch einen für sich ausreichenden Unterhaltungswert findet, aber eines ist dieses Werk mit absoluter Sicherheit nicht - der beworbene Wissenschaftsthriller.

Jürgen Olejok / 2009

Diese Rezension basiert auf folgender Ausgabe:
 
Stimmen – von Greg Bear
Originaltitel: Dead  Lines
Verlag: Heyne TB/2004
Übersetzung: Usch Kiausch
381 Seiten
ISBN: 3-453-40011-9

 

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