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Die Rezension eines Buches aus einer Romanreihe ist eine äußerst undankbare Aufgabe. Wenn schon tausende von Kritikern ihre mehr oder weniger sinnvollen Kommentare zu der Reihe verfasst haben, wird es schwer, noch irgendwelche Informationen zu bieten, die nicht in anderen Rezensionen zu finden sind. Anderseits ist es für den Leser schwer, das eine oder andere Buch-Highlight aus der Masse der Neuveröffentlichungen zu erkennen, wenn es keine selektiven Kritiken dazu gibt. Die Serie um den gelähmten NYPD-Detective Lincoln Rhyme vom Erfolgsautor Jeffery Deaver hat schon einige Höhepunkte in Sachen Spannung und Qualität erlebt, aber der neueste Band mit dem Titel "Der Fälscher" glänzt mit Attributen, die es unumgänglich machen, sich mit dem Buch als Kritiker zu beschäftigen. Was Deaver hier als Plot präsentiert, ist in seiner tatsächlichen Auswirkung keine Fiktion, sondern harte Realität. Ist man am Ende der Story angelangt, entsteht zwangsläufig der Wunsch, einige Dinge im eigenen Leben grundlegend zu überdenken oder sogar zu ändern.
Inhaltsbeschreibung Der gelähmte Sonderermittler Lincoln Rhyme erhält die Nachricht, daß sein Cousin Arthur wegen Mordes verhaftet wurde. Den Unterlagen zufolge, ist die Beweislast erdrückend - ein gefundenes Fressen für jeden aufstrebenden Staatsanwalt. Rhyme, dessen Beziehung zu seinem Cousin allenfalls als zurückhaltend zu bezeichnen ist, kümmert sich erst nach einem flehenden Anruf von Arthurs Frau um den Fall. Arthur selbst verweigert jegliche Hilfe von Lincoln und schweigt. Anfangs sieht auch Lincoln keine Chance, seinem Familienangehörigen zu helfen, aber als sich die Fälle häufen, in denen ansonsten friedfertige Mitbürger plötzlich zum Mörder werden, wird ein Muster deutlich. Eine Frage bekommt zentrale Bedeutung: Wenn die beschuldigten Menschen nicht die Täter sind, wie kamen die von ihnen am Tatort gefundenen Spuren zum Opfer? Im Laufe der Ermittlungen gerät die auf Datensammlung spezialisierte Firma SSD ins Visier der Fahnder. Nur hier konnte der wahrscheinlich wahre Täter so viel Informationen über seine Opfer und die später beschuldigten Täter sammeln. Zunächst führt die Spur ins Leere und ein anderer Umstand weist in die richtige Richtung. Es kommt zum ersten Showdown, der auch Auswirkungen auf das Team von Lincoln Rhyme hat...
Rezension Die Adjektive in ihrer zusammenhängenden Bedeutung mit dem Wort spannend gehen bei Autoren wie Jeffery Deaver langsam zur Neige. Egal ob es sich um herzgefährdende, kollapsverursachende oder einfach nur unbeschreibliche Spannung handelte - es war schon alles in dieser Buchreihe vorhanden. Die geschickte Verwebung von Thematik, präzise konzipierte Figuren, eine authentische Handlungsumgebung und einem Spannungsbogen, der kaum besser konstruiert werden kann, in Verbindung mit den für das Genre Thriller überragende, stilistische Fähigkeiten des Autors, zeichnen diese Serie schon seit Jahren aus. Sucht man verzweifelt nach Etwas, was man kritisieren kann, dann ist es vielleicht der oft etwas zu fiktive Plot einiger Geschichten. Und genau hier unterscheidet sich sein neuestes Werk vom Groß der anderen Bände - der Plot beinhaltet diesmal ein realistisches Szenario, das wahrscheinlich mehr Angst erzeugt, als der beste Spannungsbogen. Wie aus der Inhaltsbeschreibung schnell zu erahnen ist, wird die Sammelwut der Datenhändler und der Missbrauch der Daten thematisiert. Kaum jemand, auch in diesem Land, macht sich Gedanken darüber, welche Informationen über ihn selbst durch den Gebrauch von Punkte- oder Kundenkarten, den Bestellgewohnheiten bei Online-Shops oder durch den alltäglichen Besuch eines videoüberwachten Supermarktes, schon im Umlauf sind. Alles, was für spätere Werbung brauchbar ist, wird gesammelt. Dabei machen wir es den Datensammlern auch noch leicht, in dem wir auf jedes Angebot, bei dem ein paar Prozent mehr Rabatt winken, eingehen. Das alles zusammen ergibt ein Profil, das für einen gezielten Einkauf von Produkten benötigt wird - sagen die Händler und man ist geneigt, es zu glauben. Das von Deaver entworfene Szenario zeigt aber, daß aus den generierten Daten wesentlich mehr zu entnehmen ist, als Kaufgewohnheiten. In seiner Handlung befinden wir uns bereits mitten in einer Hochglanzversion einer orwell'schen Welt, in der jeder Schritt zum überwachten Moment wird. Das erzeugt eine unterschwellige Angst auch beim Leser, der nach und nach erkennt, welche versteckte Möglichkeiten unsere durch Handys und Internet vernetzte Welt enthält. Deaver wäre nicht er selbst, wenn er es nicht verstehen würde, diese einsetzende Beklemmung durch die Thematik noch mit einer Story zu verbinden, die geradezu nervenzerfetzend ist. Mit einem Höllentempo, das weit über vergleichbare Genre-Nachbarn herausragt, peitscht Deaver die Story vorwärts. Atemholen wird zum Luxus, den der Autor dem Leser nicht gönnt und erst, wenn das gut erdachte, in Teilen auch überraschende, Ende die letzte Seite erreicht, kehrt so etwas wie Ruhe ein. Diese dauert aber nur einen kurzen Moment, denn erst im Nachhinein begreift man, WAS man da gerade miterlebt hat. Eine fiktive Geschichte, deren Basis auch das eigene Leben sein könnte. Wie bisher bei jedem Roman des Autors ist die Sprache des Romans relativ leicht zu adaptieren. Streng nach dem für Unterhaltungsliteratur gültigen Gesetzt - show, don't tell - erschafft Deaver eine Welt, die sehr plastische Formen besitzt. Der Leser wird so zum intensiven Beobachter, der alles im Blick behält und die Handlungsabläufe nah miterlebt. Auch in "Der Täuscher" ragen die Hauptprotagonisten Lincoln Rhyme und Amelia Sachs aus der Masse der Figuren heraus, aber diesmal lässt Deaver den Rand-Akteuren seiner Romanreihe mehr Platz - was zu einigen Überraschungen führt.
Fazit Im Gesamtkonzept der Serie um Lincoln Rhyme ragt jeffery Deavers neuester Thriller "Der Fälscher" ganz klar heraus. Der eher behutsame, wobei bei Deaver behutsam in keiner Weise mit langweilig in Zusammenhang gebracht werden darf, Einstieg in die bisherigen Geschichten der Reihe, wurde hier enorm gestrafft, und der Leser findet sich wesentlich schneller in einer Story wieder, die ein Spiegelbild unserer Konsum- und Informationsgesellschaft ist. Deavers fast schon magisch zu bezeichnende stilistische Qualität im Genre Thriller, erreicht in diesem Roman, in Verbindung mit einem spektakulären, weil realitätsnahen Plot, neue Höhen und setzt Maßstäbe im Bereich der kriminalistischen Unterhaltungsliteratur. Ein Meisterwerk für spannungssüchtige Thriller-Junkies und absolut empfehlenswert.
Jürgen Olejok / 2009
Diese Rezension stützt sich auf folgende Ausgabe:
Der Täuscher - Jeffery Deaver Originaltitel: The Broken Window erschienen bei: Blanvalet Verlag als HC/2009 Übersetzung ins Deutsche von Thomas Haufschild 544 Seiten ISBN-10: 3764502967 ISBN-13: 978-3764502966 |