header image
Startseite
Collector - Markus Heitz
Geschrieben von Jürgen Olejok   
Lässt man die Inhalte der meist verkauftesten SF-Romane in den letzten 20 Jahren Revue passieren, fällt der Umstand ins Auge, daß sich fast jeder Autor nach Kräften bemühte, irgend etwas vollkommen Neues in sein Handlungsszenario einzubauen. Und weil ein neues Science-Element etwas Erklärung benötigt, mutierte so mancher Roman zu einem Fachbuch in Sachen fiktiver Physik mit lieblos zusammengeschraubter Geschichte. Spätestens nach dem dritten Exemplar dieser Art von Romankonstrukt, sinkt das Lesevergnügen auf einen Punkt, der die Skala "Leselust" nach unten durchbricht.
Markus Heitz schlägt in seinem neuesten Werk Collector konsequent einen anderen Weg ein. Statt vorzugeben, alles neu und unverbraucht erscheinen zu lassen, nutzt er die Elemente, die schon fast jeder Phantastik-Interessierte irgendwo gelesen hat. Erkennbar ist auch der Einfluß zahlreicher SF-Fernseh-Serien, denn das beim Lesen seines Romans oft eintretende Deja vu, deckt sich unverkennbar mit gesehenen Szenen aus dem TV. Der Autor verleugnet diese Tatsache auch keineswegs, sondern weist sogar auf die zahlreichen Serien, die ihn persönlich beeinflusst haben, durch Titelnennung hin.
Collector unterscheidet sich aber noch in einem anderen Punkt vom derzeit gängigen Mainstream der Science-Fiction Literatur. Die fiktive Technik, oftmals der Mittelpunkt in einem neueren SF-Werk, rückt dahin, wo sie sich schon in der goldenen Ära des Genre befand - in den Hintergrund. Sie bildet nur noch eine schicke Kulisse für die eigentliche Story. Und bei der Konzeption der Geschichte hat der Autor etwas wiedergefunden, daß der SF-Literatur irgendwie abhanden gekommen war - das Abenteuer

Klappentext/Inhalt
Wir schreiben das Jahr 3042. Die Menschheit ist ins Weltall aufgebrochen, doch nicht mit eigener Technik, sondern mit Hilfe von Objekten, die man bei Ausgrabungen auf der Erde gefunden hat: außerirdische Hinterlassenschaften, die den Menschen das Reisen mit Lichtgeschwindigkeit ermöglichen, obwohl nur ansatzweise klar ist, wie diese Artefakte eigentlich funktionieren. Schnell bilden sich große, multinationale Konzerne, die mit Macht und viel Geld den Aufbruch zu den Sternen vorantreiben - bis die Menschheit auf eine geheimnisvolle Spezies trifft, die ihnen bei weitem überlegen ist: die Collector. Diese bieten ihnen an, die menschliche Zivilisation unter ihre Fittiche zu nehmen, und versprechen Wohlstand und Schutz. Ein Angebot, das die Menschen nicht ablehnen können.
Kris Schmidt-Kneen ist ein Last-Kutscher, ein Fahrer für bis zu 300 Meter lange Schwertransporter, die auf der Erde für spezielle Frachten eingesetzt werden. Als er einen Auftrag der Firma Gauss-Industries erhält, sieht es nach schnell und leicht verdientem Geld aus. Er ahnt allerdings weder, worum es sich handelt, noch, dass er in wenigen Stunden zum unfreiwilligen Dieb einer Technologie wird, die eine bisher unbekannte ausserirdische Rasse auf den Plan ruft. Sein Diebesgut wird zum Mittelpunkt einer Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Konzernen und während er selbst zum Spielball der Mächtigen wird, sammeln die Collectors einen Planeten nach dem anderen und stellen ihn unter ihren Schutz. Vor wem oder oder was sie schützen, bleibt ein Geheimnis, das gut gehütet wird. Und das hat seinen Grund...

Rezension
Es war ein Ritt auf dem Triebwerk einer außer Kontrolle geratenen Rakete. Dieser Gedanke stellt sich ein, wenn man bei den letzten Seiten des neuesten Romans aus der Feder des Erfogsautors Markus Heitz angekommen ist. Erholungspausen, die andere Autoren aus Rücksicht auf den Leser gern und manchmal auch gekonnt einarbeiten, glänzen in seinen Werken seit je her durch Abwesenheit. Es könnte ja den permanenten Spannungbogen der Geschichte tangieren, der, begleitet von einem bemerkenswerten Erzähltempo, während der kompletten Story aufrecht gehalten wird. Mitunter hat man den Eindruck, dass Heitz einfach nur vermeiden wollte, daß der Leser zwecks Erholungspause das Buch mal zur Seite legt. War das sein Ansinnen, hat er es gut gemacht, denn an eine Unterbrechung des Lesens oder gar das Weglegen des Buches ist gar nicht zu denken. Zu sehr hetzt er seine Protagonisten, und mit ihnen den Leser, durch ein Abenteuer der galaktischen Art, von ihm selbst als Space Fiction betitelt. Und beim Thema Protagonisten finden wir gleich einen Teil der Erklärung dafür, ab wann aus einer bloßen Erzählung ein fesselnder Roman wird - der Indentifikationsfaktor. Heitze's "Helden" sind lediglich Bauern im Ränkespiel der Mächtigen. Sie werden in eine Rolle gepresst, für die sie nicht vorgesehen waren. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu ergeben und mit jedem Nackenschlag, den sie im Laufe der Geschichte einstecken müssen, steigen ihre Sympathiewerte.
Überhaupt gelingt es dem Autor, fast allen Protagonisten ein eher doppeldeutiges Profil mit auf den Weg zu geben. Zwar kann er so manches Klischee, das einer Figur anhaftet, nicht gänzlich vermeiden, aber der Wechsel von sympathisch zu abstoßend (und umgekehrt) bei einigen Akteuren kommt so unverhofft, dass die Achterbahn des Leser-Gefühls so manches Mal richtig ins Schleudern gerät. Auf lange Einführungsgeschichten der nach und nach die Bühne betretenen Figuren verzichtet Heitz komplett. Er wirft sie einfach ins Geschehen und damit passen sie sich dem fulminanten Tempo der Story an. Dass sie dabei überhaupt an Profil gewinnen, ist der geschickten Konzeption der Geschichte zu verdanken, die den notwendigen Platz für eine langsame Entwicklung bietet.

Neben lebendigen Akteuren gilt eine gut ausgearbeitete Handlung und der leichte Einstieg für den Leser zu den Basis-Essenzen eines erfolgreichen Romans. Ein Fakt, der bei einigen Veröffentlichungen, trotz guter Absicht der Schriftsteller, in letzter Zeit arg vernachlässigt wurde. Diese Nachlässigkeit erstickt Heitz im Ansatz - er schubst den Leser regelrecht in die Geschichte hinein - kopfüber ins spannende Abenteuer. An der Storyführung selbst wird deutlich, dass der Autor sich nicht nur über den Einstieg seine Gedanken gemacht hat.
Was für die Masse der Fantasy-Leser eine Selbstverständlichkeit ist, die Abenteuergeschichte als Selbstzweck und damit pure Unterhaltung, galt in den letzten Jahren für den Bereich Science-Fiction nur bedingt. Heitz wirft seine ganze Routine in die Waagschale, ein Pfand, das Langeweile gar nicht erst entstehen lässt. Statt sich in Detailbeschreibungen zu verlieren, reduziert er den Handlungsort zu einer notwendigen Kulisse, um den Plot in den Vordergrund zu ziehen. Naturgemäß lässt diese Art der Erzählweise keinen Platz für ausschweifende Erklärungen und sein Trick, die Funktionsweise der außerirdischen Technologie als weitgehend noch nicht erforscht zu deklarieren, ist eine elegante Lösung. Der Anspruch auf detailierte Ausarbeitung technischer Gimmicks war in der nahen Vergangenheit der SF-Literatur schon oftmals der Grund dafür, dass der Lesefluß zum erliegen kam.

Lediglich einmal muß Heitz dem Tempo und dem umfangreichen Handlungsgebilde Tribut zollen. Leider ausgerechnet an einer Stelle, an der sich einzelne, noch lose Fäden zu einem Gesamtbild verbinden. Um dem potentiellen Leser hier keinen Deut der Spannung zu nehmen, soll der Hinweis dienen, dass das Eingreifen der Weaver und ihre Motivation dazu relativ spät erfolgt und den Eindruck hinterlässt, als ob hier auf die Schnelle etwas zusammengebastelt wurde. Obwohl es einen Einstiegspunkt gibt, ist er ziemlich versteckt und die Plötzlichkeit des Auftauchens sorgt ein wenig für Verwirrung.
Ein, zwei Kapitel mehr, eingefügt als Zwischenszenen, die den Leser in irgendeiner Weise vorbereitet hätten, wäre hier das Mittel der Wahl gewesen und hätten für ein besseres bzw. schnelleres Verständnis der Situation gesorgt.  Man kann dem Autor aber zu Gute halten, dass bei viel Licht kleine Schattenbereiche nicht zu vermeiden sind und bis auf diese Ausnahme, hinterlässt die Geschichte insgesamt einen sehr homogenen Eindruck.

Thematisch bewegt sich der Autor geschickt durch ein Kaleidoskop der verschiedensten Formen und Unterbereiche der Science-Fiction. Von Military bis Fremdwelt, von Erstkontakt bis Space Opera - es ist alles eingebaut, was das Genre zu bieten hat. Space-Fiction als Überbegriff ist dabei gar nicht so schlecht gewählt, denn der primäre Handlungsort ist das Weltall. Dabei gelingt es ihm zugleich spielerisch, derzeitig in der Entwicklung befindliche, gesellschaftliche Strömungen in sein Zukunftsgebilde zu integrieren. Die Ohnmacht von Regierungen mit ihren begrenzten Ressourcen und deren Abhängigkeit von großen Konzernen; der einzelne Mensch als Spielball im Geschäft um wirtschaftlichen Vorteil, sind glaubhaft beschrieben und dienen nicht nur als Kulisse, sondern entpuppen sich sogar als Auslöser für manche Wendung in der Story.

Letztendlich bleibt festzustellen, daß Markus Heitz mit diesem Roman beweisst, dass sein erzählerisches Potential auch in dieser speziellen Spielart der Phantastik tragfähig ist. Ob der Verzicht auf das Label "SF" dazu dient, eine potentielle Käuferschicht nicht von vorn herein zu verschrecken, ist spekulativ. Tatsache ist, dass es sich inhaltlich bei Collector um nichts anderes als Science-Fiction handelt - allerdings in einer Form, die dazu dient, seinem Stammpublikum den Einstieg in die faszinierenden Möglichkeiten des Genre zu ebnen.

Fazit:
Markus Heitz hat mit seinem neuesten Werk Collector das Genre Science-Fiction nicht neu erfunden. Das war auch nicht zu erwarten. Allerdings hat er es ein wenig wachgerüttelt und durch die Nutzung stilistischer Elemente, die sich im Fantasy-Bereich längst bewährt haben, ordentlich aufgepuscht. Die stromlinienförmige Storyführung, in früheren SF-Werken der Altmeister gern genutztes Mittel für kurzweiliges Lesevergnügen, feiert in Collector ihre Wiederauferstehung, ohne auch nur ansatzweise verbraucht zu wirken. Auf langatmige Weltenkonstruktionen oder sinnfreies Technik-Gebrabbel wird weitgehend verzichtet; die permanent vorhandene Spannung wird zum Antrieb, die nächste Seite zu lesen. Es ist Kopfkino mit hohem Unterhaltungswert, geschrieben für Lesejunkies und SF-Freunde, die sich gerne der Faszination einer gut konzipierten Abenteuergeschichte hingeben.

Als Basis dieser Rezension diente:

Collector – von Markus Heitz
erschienen im Heyne-Verlag als Paperback-Ausgabe 05/2010
647 Seiten
ISBN 978-3-453-52650-1

 

Herzlich Willkommen auf der Leseattacke. Hier findet ihr nicht nur Informationen und Rezensionen zur aktuellen und modernen Literatur, sondern durch die Zusammenlegung mit der SF-Buchseite  ausserdem noch Berichte und Kritiken im  Bereich der Science-Fiction.
Einen angenehmen Aufenthalt auf dieser Webpräsenz wünscht euch:

Jürgen Olejok 

Neuigkeiten

Cyberpunk ist  eine besondere Art der Science-Fiction Literatur. Stilistisch sehr nahe am New Wave Style der amerikanischen Literatur angelehnt, entstand dieses Sub-Genre Anfang der Achtziger Jahre zeitgleich mit der beginnenden Computerrevolution im Wohnzimmer.

Ab sofort findet der interessierte Leser Artikel, Rezensionen und Kurzgeschichten zum Thema auf dieser Webpräsenz. Viel Vergnügen.

 

Impressum

Leseattacke.de ist eine private Seite zum Thema Literatur.

Administration:
Jürgen Olejok 

Redaktion & Beiträge
Jürgen Olejok
Jürgen Schütz 

Zeichnungen:
Jürgen Schütz

Wer ist Online ?
Aktuell sind 4 Gäste online
Startseitenzähler
Besucher: 280076