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Gnosis - Adam Fawer
Geschrieben von Jürgen Olejok   
Als Adam Fawer im Jahre 2005 seinen ersten Roman mit dem Titel Null vorstellte, war vorauszusehen, dass ein neues Talent der spannenden Erzählkunst die Bühne betritt. Seine Symbiose aus Wissenschafts- und Agenten-Thriller beeindruckte auf ganzer Linie. Der internationale Erfolg der Originalausgabe ließ nicht auf sich warten. Einige kleinere, aber wahrnehmbare, stilistische Schwächen in der deutschen Übersetzung verhinderten, dass er sich auf Anhieb auch in den hiesigen Bestseller-Listen auf einen vorderen Platz katapultierte.
Die Frage, die aber hinter jedem Debüt-Roman eines Autors lauert, ist: Kann er seine Leistung wiederholen. Im Falle von Fawer kann man vorab feststellen - er ist sogar in der Lage, sich zu steigern, denn was sich selbst in der englischsprachigen Originalfassung seines Erstlings noch etwas unbearbeitet las, glänzt in Gnosis wie vielschichtiger Klavierlack. Das machte neugierig auf die deutsche Übersetzung.

Klappentexte
Du hast keine Kontrolle über dein Leben. Du glaubst es vielleicht, aber es ist nicht so. Natürlich steht es dir frei, eigene Entscheidungen zu treffen. Du kannst machen, was du willst.
Die Sache hat nur einen Haken: Du hast keine Kontrolle darüber, was du willst...


GNOSIS, aus dem griechischen, bedeutet: Erkenntnis
Menschen in ihrem Innersten zu erkennen, ist ein Quell unvorstellbarer Macht. Lazlo Kühl hat diese Macht. Er ist Empathiker und hat die Fähigkeit, sich so weit in andere einzufühlen, das er ihre Gedanken beherrschen kann.Lazlo weiß aber auch um die dunklen Seiten dieser außeordentlichen Gabe. Er setzt sie nur sehr selten ein und versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Doch damit ist es vorbei, als sich sein Weg mit dem des charismatischen Sektenführers Valentinus kreuzt. Auch Valentinus ist Empathiker und er hat keines Skrupel, seine Fähigkeiten auf ein einziges, finales Ziel zu richten: Am Silvesterabend soll seine Vorstellung einer Apokalypse grausame Wirklichkeit werden. Lazlo weiß, dass nur ein Ebenbürtiger Valentinus aufhalten kann. Und er macht sich auf die Jagd...


Kritik
Spekulation zufolge, lag das Problem bei Fawer's Erstlingswerk am Einsatz von drei verschiedenen Übersetzern. (siehe auch die Rezension zu Null auf dieser Webseite).
Diesmal zeichnet sich lediglich eine Person als Übersetzer aus - Jörn Ingwersen. Man kann ihm attestieren, einen guten Job gemacht zu haben, denn kein noch so kleiner Mangel trübt das Lesevergnügen der deutschsprachigen Ausgabe von Adam Fawer's im Jahre 2007 erschienen Roman Gnosis. Kompakt und zusammenhängend, mit einem durchgehenden Spannungsbogen und einer actionreichen Story, verbindet der Autor Wissenschaft, Fiktion und Crime zu einem Romanwerk, das den Leser durchgehend fesselt. Wie aus einem Guss wirkt das Storykonstrukt und die kurzen Ausflüge in die Welt der Philosphie oder Computertechnik, fügen sich wie selbstverständlich in die Handlung ein. Information als stilistisches Element - die Königsklasse für einen Schriftsteller und Fawer bewegt sich sehr souverän darin.

Thematisch bewegt sich seine Handlung in einen nicht zu präzisierenden Bereich zwischen Wahrheit und Fiktion, neudeutsch auch als Mystery bezeichnet. Die Nutzung real existierender Schauplätze und gesellschaftlicher Strukturen unterstützen dabei die fiktiven Einflüsse. Viele andere Autoren in diesem Handlungsbereich gleiten zu irgendeinem Zeitpunkt ab, konzentrieren sich auf den fiktiven Part und verlieren die Authentizität aus den Augen. Fawer bemüht sich, die Realität nicht zu verlassen und seine Bemühungen bleiben nicht erfolglos. Immer, wenn der Leser den Eindruck hat, dass sich die Geschichte in Richtung Phantastik bewegt, lenkt er mit eingestreuten Kapiteln die Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. Selbst seinen Plot bringt er im Nachhinein "auf Kurs", denn was sich anfänglich eher als Element der phantastischen Literatur einordnen lässt, verschiebt sich im Laufe der Geschichte zu einer wissenschaftlichen Hypothese, die ihre Ansätze in tatsächlich stattgefundenen Experimenten besitzt.
Die Spannung in der Handlung basiert auf das immer wieder gern benutzte Szenario zur Ergreifung der Macht. Die dafür geeigneten Ränkespiele und die verschiedenen philosophischen Denkansätze werden aber, im Gegensatz zur Masse ähnlicher Story-Konstruktionen, ausgesprochen ernsthaft und durchaus logisch ins Spiel gebracht. So gehört der gedankliche Ansatz, in wie weit die konfessionellen Religionen auf einem Irrtum fußen, zu den bisher nachvollziehbarsten Ausführungen, die in der Unterhaltungsliteratur zu finden sind.

Der intensivere Auswand für die Protagonisten gegenüber dem Debüt-Roman ist deutlich spürbar, was aber für die genutzte Thematik auch erforderlich ist. Die Aufgabe, Emotionen als Sinnerlebnisse zu beschreiben, funktioniert nur im Zusammenhang mit dem "Verstehen" einer Figur. Auch hier hat der Autor eine recht gute Balance zwischen glaubhafter Person und den besonderen Fähigkeiten der Akteure gefunden. Dadurch gelingt es Fawer, eine eventuell entstehende Distanz zu seinen Figuren im Keim zu ersticken. Die Tatsache, dass die vom Leser bevorzugte Beobachtungsperspektive davon nicht berührt wird, spricht für seine außerordentlichen erzählerischen Qualitäten.

Fazit:
Mit Gnosis stellt Adam Fawer klar, dass sein Roman-Debüt keine Eintagsfliege war. In seinem neuen Werk beweist er nachdrücklich seine schriftstellerische Klasse und setzt an, den Olymp der Ausnahme-Autoren zu erobern. Spannend erzählt und mit ungewöhnlichen Figuren besetzt, sind keine erwähnenswerte Schwächen im Gesamtkonzept zu entdecken. Der Plot wirkt stimmig und der Leser ist jederzeit in der Lage, der Geschichte zu folgen. Mystery in einem wissentschaftlichen Anzug, der wie maßgeschneidert sitzt - nicht nur für Genre-Fans ein unterhaltsames Leserlebnis.

Als Basis dieser Rezension diente folgende Ausgabe:

Gnosis - von Adam Fawer
Übersetzung von Jörn Ingwersen
erschienen als HC bei Kindler / 2007
716 Seiten
ISBN 9783463405193

 

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