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Geschrieben von Jürgen Olejok   

 

Klappentext / Inhaltsangabe 

In einem verräucherten Club der russischen Mafia in Manhatten sitzt ein Mann mit einem ungewöhnlichen Talent beim Poker: David Caine, leidenschaftlicher Spieler und brillianter Mathematiker, hat die Gabe, in sekundenschnelle die Gewinnchancen aller Mitspieler zu berechnen. Er weiß genau wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er ein Fullhouse auf der Hand haben wird - oder seine Gegenspieler ihn ausstechen werden. Doch eines Abends raubt ihm ein bevorstehender epileptischer Anfall beim Spielen den Verstand und ihm unterläuft ein fataler Fehler. Er riskiert alles - und verliert. Von nun an ist ihm die russische Mafia auf den Fersen. Und das, wo er gerade seinen Job als Statistikdozent an den Nagel hängen musste und alles andere als liquid ist. Seine Lage ist aussichtslos. New York kann er nicht verlassen, da er in einer Behandlung seiner Epilepsie mit einer experimentellen Droge zugestimmt hat und unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle steht. Als sich aber herausstellt, dass ihm diese Droge die Fähigkeit verleiht, in die Zukunft zu schauen, nimmt sein Schicksal eine ganz neue Wendung. Von nun an ist nicht mehr nur die russische Mafia hinter ihm her, sondern auch verschiedene Geheimdienste, die von seiner unglaublichen Fähigkeit Wind bekommen haben.

Mystery meets Science - NULL von Adam Fawer

Ich gebe ja zu, daß ich in der Wahl meines Lesestoffes ein wenig festgefahren bin. Nachdem nun auch die Science Fiction wieder in ein gepflegtes Koma gefallen ist, das man noch aus der Prä-Cyberpunk Ära kennt, dünnt sich der Literatur-Markt zumindest für meinen Geschmack zusehend aus.

Dan Brown reitet auf seinem Lieblingsthema Verschwörung und Geheimbünde herum, ist aber auf Dauer kein ernstzunehmender Ersatz für neue Romane von Greg Illes oder Jeffery Deaver. Michael Crichton scheinen auch langsam die Ideen auszugehen, Douglas Coupland hat mal wieder irgendeine obsurkure Sinnkrise ereilt und mein Lieblingsschriftsteller William Gibson scheint genug Geld verdient zu haben. Alles in Allem zeigt der deutsche Buchmarkt im Bereich Mainstream und Thriller zumindest mir die kalte Schulter... was aber anderseits Vorteile beinhaltet, denn damit geraten Newcomer verstärkt in den Focus meines Interesses.
Adam Fawer gehört zu den Newcommern, denn sein Buch "Null" ist ein waschechtes Erstlingswerk.

Der Name Adam Fawer ist in der deutschen Literaturszene noch kein gängiger Begriff, zumal erst ein Roman in deutscher Übersetzung von ihm vorliegt. Er hat aber das Glück, sein Erstlingswerk in einer Zeit zu präsentieren, in der die Mainstream-Literatur von Dan Brown und vielen seiner Nachamern beherrscht wird. Bevor man darüber zweifelt, ob es wirklich eine glückliche Entscheidung ist, gerade in dieser Zeit etwas thematisch vollkommen anderes dem Leser zu präsentieren, muß man bedenken, daß die Aufmerksamkeit des Lesepublikums in Zeiten homogener Themenromane auf den Randbereich der Literatur geschärft ist.


Wenn Mystik, Quantenphysik, mathematische Statistik, Experimente und Theorien von Heisenberg über Einstein bis Schroedinger in einem Unterhaltungsroman zusammentreffen, spricht das in erster Linie für die Ambitionen des Autors, ein Buch jenseits der Trivialliteratur zu veröffentlichen. Diese Thematik mit einer actiongeladenen Story zu verbinden, erfordert mehr Talent als ein ein-Cent-pro-Zeile Schriftsteller in der Regel aufbringen kann. Gestaltet man das Ganze so spannend, daß ein weglegen der Lektüre zu einem mentalen Kraftakt wird, hat der Autor etwas vollbracht, was nur wenigen Schriftstellern glückt; er hat Wissenschaft in perfekter Verpackung präsentiert.

Adam Fawer ist genau dieses Kunststück gelungen. Die schriftstellerische Präzision, mit der er die Handlung und die Informationsdichte verbindet, nötigt dem Leser Respekt ab. Nie zuvor hat der Schreiber dieser Rezension quantenphysikalische Theorien und Heisenberg´sche Unschärferelation so verständlich vermittelt bekommen wie im vorliegenden Buch. Auch wenn in Fawer´s Roman lediglich die Essenz der wissenschaftlichen Theorien und Denkansätze Einzug halten, sind sie dennoch anerkannte Grundlagen und gehören zu den Standardvorträgen an den Universitäten im Bereich Mathematik und Physik. Wären deutsche Professoren in der Lage, dieses Wissen genauso luftig und bekömmlich wie die Protagonisten im Buch zu vermitteln, die Kurse würden aller Wahrscheinlichkeit nach jedes Audimax sprengen.
Das es Fawer auch noch gelungen ist, wissenschaftliche Exkursionen in Raum und Zeit mit einer spannungsgeladenen Actionsstory zu verbinden, macht "NULL" zu einem echten Pageturner und Kandidaten für das Erstlingswerk des Jahres.
Natürlich erzeugt so viel Licht in der Thematik und Umsetzung auch Schatten in der Ausführung. Da fallen erst einmal die manchmal lieblos konstruierten und mit jeder Menge Klischees behafteten Neben-Protagonisten ins Auge. Auch der Storyverlauf belastet die Glaubwürdigkeit an manchen Stellen, bleibt aber für einen Action-Thriller so gerade eben in einem angemessen Rahmen. Manch stilistische Schwäche ist erkennbar und nur das enormen Tempo der Story kaschiert den einen oder anderen mißglückten Ausrutscher der Erzählkunst. An dieser Stelle soll aber berücksichtigt werden, daß gleich drei Übersetzer mit diesem Roman beschäftigt waren, wobei leider nicht festzustellen ist, ob es an dem teilweise recht schwierigen Stoff lag, oder der Verlag den Roman schneller als üblich in den deutschen Buchhandel bringen wollte. Zumindest besteht aber die Möglichkeit, das lediglich eine nicht so geglückte Übersetzung für einige stilistische Unebenheiten in Frage kommt.

Fazit:

Eine mit viel Tempo erzählte Geschichte, wissenschaftliche Fakten und Theorien in unterhaltsamer Form und eine zum mitfiebern nervenzerfetzende Spannung zeichnen diesen Roman von Adam Fawer aus. Auch wenn gegen Ende des Buches die Balance in Richtung Mystery tendiert, läst es den Leser mit einem befriedigenden Abschluß zurück. Man vergisst während des Lesens oft, daß es sich lediglich um Unterhaltungsliteratur handelt, wenn auch in ambitionierter Form. Den Käufer erwartet ein intensives Leseerlebnis, das sich auf Grunde der Thematik wohltuend vom augenblicklichen Mainstream a la Brownsche Verschwörungstheorien unterscheidet. Trotz einiger Schwächen, die sich aber in akzeptablen Grenzen halten, beansprucht dieser Roman zu Recht seinen Platz in einem gut sortierten Buchregal. Deshalb an dieser Stelle eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für Freunde des wissenschaftlichen Action-Thriller.

Jürgen Olejok / 2006

 

Buchdaten:

NULL - Adam Fawer
Übersetzung: Jochen Schwarzer, Frank Böhmert, Andree Hesse
Kindler Verlag 2005
592 Seiten / Hardcover
ISBN 3463404761

 

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