header image
Startseite arrow Romane & Erzählungen arrow Gefährliche Geliebte
Gefährliche Geliebte
Geschrieben von Jürgen Schütz   
 230 Seiten Literatur reichten aus um zu trennen, was als untrennbar galt. Bei der Besprechung von Gefährliche Geliebte, geschrieben vom damals in unseren Breiten noch relativ unbekannten Autor Haruki Murakami,  stellte Deutschlands Literaturpapst, Marcel Reich-Ranicki fest: "Ein hoch erotischer Roman. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen". Sigrid Löffler allerdings vertrat die Meinung, dass es sich um ein sexistisches Buch handle, schlecht, oberflächlich und vulgär. Ranickis Aussage, Löffler sei prüde, folgte ein Streit, der zur Folge hatte, dass Sigrid Löffler das literarische Quartett für immer verließ.
Dieses interessante „Vorspiel“ weckt natürlich die Neugier eines Rezensenten und es galt zu ermitteln, wer von den beiden der Wahrheit am nächsten war.
Die Geschichte handelt von Hajime. Er ist ein Einzelkind und hält sich für minderwertig, da in seinem Umfeld alle Kinder Geschwister haben. Shimamoto, eine Mitschülerin entwickelt sich schnell zu seiner besten Freundin. Sie ist ebenfalls ein Einzelkind, zudem hat sie eine Gehbehinderung - die  Folge einer früheren Kinderlähmung. Gemeinsam verbringen sie ihre Nachmittage und Wochenenden, hören Schallplatten und es kommt bei Hajime zu ersten Gefühlen für das andere Geschlecht. „…und er fühlte einen süßen Schmerz“, schreibt Murakami treffend, wenn er diese Erinnerungen erzählt.
Als Hajimes Eltern in eine andere Gegend ziehen, verlieren sich die Kinder aus den Augen. Hajime unterlässt es schnell, seiner Freundin aus Kindertagen zu schreiben und im weiteren Verlauf der Geschichte lernt er andere Mädchen kennen. Es kommt zu einer Abfolge von Kindheitserinnerungen an die verschieden Liebeleien des Protagonisten.  
Mit 30 Jahren lernt Hajime Yukiko, die Tochter eines Baulöwen, kennen. Sie gründen eine Familie, und mit Hilfe seines reichen Schwiegervaters eröffnet Hajime zwei Jazz Bars. Er besitzt nun eine Wohnung im Nobelviertel von Tokio, ein Ferienhaus, er fährt einen BMW, trägt Anzüge von Armani und führt eine Bilderbuch-Ehe mit Frau und zwei Kindern. Bis eines Tages seine Kinderliebe Shimamoto in der Bar auftaucht. Schnell werden die alten Gefühle geweckt und nach mehreren Besuchen, die von ihr stets unangemeldet und geheimnisvoll erfolgen, kommt es zu gemeinsamen Unternehmungen. Hajimes Ehe beginnt darunter zu leiden. Seine Frau ahnt die drohende Gefahr. Trotzdem begibt sich Hajime auf das dünne Eis und giert nach seiner großen Liebe, die ihn am Ende vor die Entscheidung stellt: Alles oder nichts!

Gefährliche Geliebte handelt vorrangig von der Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Melancholie, die einem bei den Gedanken an die erfüllten und unerfüllten Träume der Kindheit erfassen.
Das Buch ist in einer flüssigen und einfachen Sprache geschrieben. Dies könnte aber auch an der Übersetzung liegen, die seltsamerweise aus dem Englischen gemacht wurde. Chronologisch wird Hajimes Leben erzählt und stellenweise erinnert es an Aufsätze wie Was ich in den letzten Ferien erlebt habe. Zu sehr plätschert die Handlung dahin, wenn der Leser Zeuge von Hajimes Affären wird. Es entsteht stellenweise der Eindruck von Tiefe, wenn Murakami die Gefühle seines Protagonisten beschreibt, doch kratzt er dabei in Wahrheit nur an der Oberfläche eines Mannes, der seine Midlife Crisis erlebt;  im Alltag der Ehe an seine wilden Jahre zurückdenkt und eine Affäre herbeisehnt.

Letztendlich kann man Marcel Reich-Ranicki Recht geben, wenn er sagt, er habe solche Liebesszenen schon lange nicht gelesen, denn Murakamis Sprache unterstützt die erotischen Szenen vorzüglich. Doch ist es kein Grund, das Buch mehr zu loben als andere erotische Romane, denn Sigrid Löfflers Meinung, das Buch sei einfach nur vulgär, kann man ebenso stehen lassen. Es ist eben immer eine Gratwanderung bei dieser Thematik und übrig bleibt der subjektive Eindruck des Lesers, ob er Erotikliteratur oder oberflächlichen Sexismus in den Händen hält.
Ist es eine Auszeichnung, wenn es ein Buch schafft, die Literaturexperten so zu spalten, dass sie nie mehr miteinander reden? Vermutlich nicht, denn Diskussionen über hocherotische Bücher gab es schon immer, und die Meinungen gehen bestimmt bei sämtlichen Werken verschiedener Autoren auseinander.
Warum dann aber der fast vorprogrammierte Streit durch dieses Buch?
Haruki Murakamis Werke gelten als literarisch wertvoll. Das war wohl auch der Grund, dieses Buch in die Diskussion einzubringen. Wäre der Roman von einem nicht so renommierten Autor gewesen, hätte er wohl kaum Einzug in die Sendung gehalten
Murakami wählte ein bekanntes Thema -Erinnerung an vergangene Tage - und streute eine kräftige Portion Sex darüber (Man kann es Erotik nennen, doch es ist, was es ist). Da es gut geschriebener Sex ist, verdiente es der Roman, in einer Runde wie dem Literarischen Quartett, besprochen zu werden.

© Jänner 2007 by Jürgen Schütz

Für diese Rezension wurde folgende Ausgabe verwendet

Gefährliche Geliebte
Autor: Haruki Murakami
Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini
Titel der Originalausgabe: Kokkyo no Minami, Taiyo no Nishi
by Kodansha Ltd., Tokyo
© 1992: Haruki Murakami
© 2000 der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
ISBN 3770147812


Ebenfalls erschien der Roman als Lizenzausgabe der BRIGTTE-EDITION
ISBN-10: 357019535X
ISBN-13: 978-3570195352

 

Herzlich Willkommen auf der Leseattacke. Hier findet ihr nicht nur Informationen und Rezensionen zur aktuellen und modernen Literatur, sondern durch die Zusammenlegung mit der SF-Buchseite  ausserdem noch Berichte und Kritiken im  Bereich der Science-Fiction.
Einen angenehmen Aufenthalt auf dieser Webpräsenz wünscht euch:

Jürgen Olejok 

Neuigkeiten

Cyberpunk ist  eine besondere Art der Science-Fiction Literatur. Stilistisch sehr nahe am New Wave Style der amerikanischen Literatur angelehnt, entstand dieses Sub-Genre Anfang der Achtziger Jahre zeitgleich mit der beginnenden Computerrevolution im Wohnzimmer.

Ab sofort findet der interessierte Leser Artikel, Rezensionen und Kurzgeschichten zum Thema auf dieser Webpräsenz. Viel Vergnügen.

 

Impressum

Leseattacke.de ist eine private Seite zum Thema Literatur.

Administration:
Jürgen Olejok 

Redaktion & Beiträge
Jürgen Olejok
Jürgen Schütz 

Zeichnungen:
Jürgen Schütz

Wer ist Online ?
Aktuell sind 4 Gäste online
Startseitenzähler
Besucher: 531925