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Niemalsland
Geschrieben von Jürgen Olejok   

Er ist der uneingeschränkte Herrscher zeitnaher, phantastischer Parallelwelten und seine Handlungsumgebungen besitzen eine Art Magie, derer sich der Leser schon nach einigen Seiten kaum entziehen kann – Neil Gaiman.
Fast 20 Jahre sind vergangen, seit sein Name erstmals durch die Zusammenarbeit mit Terry Pratchett an der genialen Fantasy-Satire  Ein gutes Omen in der internationalen Literaturszene auftauchte. Vorher schrieb er äußerst erfolgreich Storys für Comics, wobei die bekannteste Serie, The Sandman, als zehnbändige Sammlung auch heute noch reißenden Absatz bei den Fans findet. Als das Medium Comic für ihn keine interessante Herausforderungen mehr bot, wandte er sich ausschließlich der bildlosen Literatur zu. American Gods , im Jahr  2001 veröffentlicht und mit den beiden bekanntesten Awards der Phantastik-Szene prämiert, brachte dann den Durchbruch und machte ihn zu einer festen Größe in der Fantasy-Szene.
Bis dahin war er aber noch in anderen Medienbereichen aktiv, unter anderem als Drehbuchautor für die BBC-Fernsehserie Neverwhere, deren Geschichte er 1996 in seinen ersten eigenständigen Roman zusammenfasste und in Deutschland unter dem Titel Niemalsland veröffentlicht wurde.

Story
Richard Mayhew hat nur ein Ziel – London. Als Wertpapierhändler will er in der Metropole des Geldes sein Glück machen und anfangs läuft es wirklich gut. Mit seinem Job und seiner Beziehung zu Jessica, einer Londonerin, die er in Frankreich kennen gelernt hat, ist er zufrieden und sein Leben scheint alles in allem das zu bieten, was man in seiner Position erwarten kann – bis sich eines Tages ein Vorfall ereignet, der nicht nur seine Welt, sondern alles, was er zu wissen glaubte, in Frage stellt.
Als er eines Abends eine verletzte, junge Frau, die entkräftet und hilflos auf dem Gehsteig liegt, in seine Wohnung mitnimmt, beginnt für Richard ein anderes Leben – abseits der beleuchteten und verkehrsreichen Straßen von London, so wie er es kennt.
Er gerät in eine Art Schattenwelt, die unterhalb der Stadt in aufgelassenen U-Bahnhöfen, leeren Zügen, Abwasserkanälen und düsteren Kellern existiert.
Als die junge Frau in vermeintlicher Sicherheit ist, muss Richard feststellen, dass er nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren kann – er existiert einfach nicht mehr. Seine Kollegen scheinen ihn nicht mehr zu erkennen, seine Bankkarte wird vom Automaten eingezogen und seine Wohnung wird neu vermietet.
Richard hat keine andere Wahl, er muss zurück in die Schattenwelt, dem Niemalsland von London - eine geheimnisvolle und äußerst gefährliche Welt, wenn man nicht von Geburt an darin gelebt hat....

Rezension
Ein gutes Omen besitzt in der Literaturszene seit Jahren das Attribut, die schrägsten Charaktere zu besitzen. Kein Wunder, denn Terry Pratchett gilt als Meister der skurrilen Fantasy und sein Name bürgt für unterhaltsamen Nonsens der intelligenteren Art. Hat man Niemalsland angelesen, wird allerdings ziemlich früh klar, dass auch Neil Gaiman ein feines Gespür für ungewöhnliche Akteure besitzt und das sein Wirken einen wesentlich höheren Einfluss auf das Gemeinschaftswerk hatte, als bisher angenommen. Auch in Niemalsland  finden wir schräge Charaktere und Dialoge, die das eine oder andere Mal zum lautstarken Lachen animieren. Allerdings weicht die kurze Heiterkeit schnell wieder der Anspannung, denn diesmal entpuppt sich die Story  als Fantasy-Thriller mit Krimi-Einfluss.

Gaimans ungewöhnliche Symbiose aus Gegenwart und Fantasy erzeugt gleich zu Beginn einen angenehmen Schauer und selbst, wenn man nicht mit dem Londoner U-Bahn Netz vertraut ist, ist die Atmosphäre in ihrer Wirkung äußerst gelungen. Schnell wird der Leser in eine Handlungsumgebung hineingezogen, die den Albtraum einer `Unterwelt` entspricht, aber trotzdem den Bezug zur Realität nicht verliert.. Dabei gelingt es dem Autor spielerisch, eine ganze Palette von Fragmenten anderer Fantasy-Szenarien in seine Story einzubauen, ohne das ein Plagiatseffekt zu beklagen wäre.
Statt auf atemloses Tempo zu setzen, streut Gaiman hier und da mit seinen ausgezeichnet konstruierten, manchmal recht merkwürdigen Protagonisten, den typisch englischen Humor ein.
Der schön ausgeführte und durchgehende Spannungsbogen unterstützt das Allegro der Story, ist aber selten so zwingend, dass eine Leseunterbrechung zum Ärgernis wird.
Die einzelnen Stationen des vermeintlichen Helden laden immer wieder zum verweilen ein; die während der Geschichte neu hinzukommenden Figuren verwirren nicht, sondern ergänzen wie selbstverständlich das Gesamtbild von `Unter-London´. Der Handlungsverlauf bleibt immer stimmig und Erklärungen, die nicht zur Lösung des Rätsels innerhalb der Geschichte beitragen, werden nicht benötigt.
Die Dialoge sind sorgfältig ausgearbeitet und so manches Gespräch zwischen den beiden Berufskillern  Mr. Croups und Mr. Vandemar erzeugen zwangsläufig ein breites Grinsen, ohne je in den Bereich billiger Anekdoten abzudriften. Bissiger Sarkasmus ersetzt die Langeweile, wenn Erklärungen zum besseren Verständnis für die beiden Figuren notwendig werden – ein wirksames Mittel, um Information dem Leser unterhaltsam zu vermitteln.
Diese stilistischen Feinheiten ordnen sich nahtlos in das gelungene Gesamtkonzept des Romans ein, der bis zum Ende nicht einmal ansatzweise an Unterhaltungswert verliert.
A pro Pos Ende – das unvermeidliche Schluss der Geschichte verdient eine besondere Erwähnung, weil dem Autor nicht nur ein besonders passendes, sondern auch ein schön ausklingendes Ende gelungen ist – ein Punkt, dem leider die meisten Schriftsteller in letzter Zeit keine große Aufmerksamkeit widmen.
Unverständlich, denn in anderen Medien wie z. B. dem Film hat das Ende einen ungleich höheren Stellenwert und die Vermutung liegt nahe, dass in diesem Werk der Umstand,  Drehbuch vor dem Roman zu schreiben,  für das gelungene Finale verantwortlich war.

Fazit
Neil Gaiman hat mit Niemalsland ein wunderschönes Gesamtpaket aus Fantasy, Abenteuergeschichte, Humor und Krimi-ähnlicher Storyführung gebunden, welches nicht nur den Genre-Fan begeistern wird. Das phantastischen Ambiente der Unterstadt und die Verbindung zum realen London, ist äußerst gelungen. Stilistik und Erzählkunst des Autors ergänzen sich perfekt und machen diesen Roman zu einem beachtenswertem Werk, welches nicht nur das vorhandene Talent von Neil Gaiman zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere dokumentiert, sondern auch als Zeugnis für die Möglichkeiten, die das Genre Fantasy besitzt, dient. Ein lesenswertes Buch, das einen festen Platz im gut sortierten Regal haben sollte.

Jürgen Olejok / 2008

Als Basis für diese Rezension diente:

Niemalsland von Neil Gaiman
Originaltitel: Neverwhere / 1996
Übersetzung von Tina Hohl
TB-Ausgabe des Heyne Verlags / 2.Auflage / 2002
365 Seiten
ISBN 3-453-13757-4

 

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